Kiesgärten erlaubt?

Hört man sich ein wenig in der Nachbarschaft um, ist auch die Gartengestaltung in Wörthsee zunehmend kontrovers. Neu Zugezogene bringen augenscheinlich städtische Vorstellungswelten mit. Auch Stellplätze sind ein Grund, der zur Versiegelung von Grundstücksflächen beiträgt. Die Grünfläche, der Garten bleibt auf der Strecke. Der Schottergarten liegt offenbar im Trend. Doch die Bayerische Bauordnung ist ganz anderer Meinung.
Frühling

Naturgarten in der Kuckuckstraße. Foto: DM.

„Art. 7: Begrünung, Kinderspielplätze
(1) 1Die nicht mit Gebäuden oder vergleichbaren baulichen Anlagen überbauten Flächen der bebauten Grundstücke sind
1. wasseraufnahmefähig zu belassen oder herzustellen und
2. zu begrünen oder zu bepflanzen,
soweit dem nicht die Erfordernisse einer anderen zulässigen Verwendung der Flächen entgegen–stehen. 2Satz 1 findet keine Anwendung, soweit Bebauungspläne oder andere Satzungen Festsetzungen zu den nicht überbauten Flächen treffen.“
Bayerische Bauordnung, Freistaat Bayern.
Pflastersee in Wörthsee

Schotterdämmerung in Wörthsee. Wasseraufnahmefähig? Bepflanzt und begrünt? Foto: Htk.

Elefant-Kiesgarten

Fantasy im Garten? So weit ist es in Wörthsee momentan noch nicht. Foto: unbekannt

Der Schottergarten ist in Mode gekommen.

Wikipedia meint unter dem Stichwort „Schottergarten“: „Hauptziel für die Anlage von Schottergärten ist eine als ordentlich wahrgenommene Gartenfläche, bei gleichzeitiger Erwartung eines geringen Pflegeaufwands.“ Ordentlich gilt als deutsche Tugend und wenig Pflege ist allemal willkommen. Aber ist diese Erwartung überhaupt richtig? Eine Schotterfläche wird zumeist auf einem Vlies angelegt, damit die Steine nicht nach kurzer Zeit im natürlichen Boden versacken. Dennoch ist die Natur nicht untätig. Auf dem Schotter setzen sich bald Moose an, weshalb die Fläche bald dreckig und ungepflegt wirkt. Ob dann verbotene Pestizide zum Einsatz kommen? Im Herbst setzen sich Blätter und allerlei herbeigewehtes Material zwischen die Steine. Dann müßte zum Laubbläser oder Hochdruckreiniger gegriffen werden. Nach einigen Jahren hilft dann nur noch eine Radikalkur. Die Schotterfläche muss abgetragen und gewaschen werden. Auch das Vlies unter den Steinen braucht bereits nach ein paar Jahren eine Totalsanierung.

Der Schottergarten kommt teuer

Wo der Bauherr Pflegeleichtigkeit erwartet wartet am Ende Mehraufwand auf ihn. Der Verdacht kommt auf, dass die Profiteure und Antreiber des Trends die Gartenbauunternehmen sind, die dem leichtgläubigen Kunden das für sie lukrativste Geschäft aufschwatzen. Denn schon der Kies ist teuer. Ab hundert Euro pro Tonne gehen die Angebote los – Schotter kostet Schotter.

Manche mögens heiß

Mit einem Schottergarten wird das Kleinklima ums Haus herum deutlich schlechter. Im Sommer knallt die Sonne auf die Steine und heizt sie auf. Am Abend ist kaum mehr Abkühlung zu erwarten. Bei Windstille bildet sich eine Wärmeblase. Warum also muss das sein?

Politik ist Teil des Problems

Der Schottergarten ist rechtlich fragwürdig, wenn nicht sogar verboten. In der Süddeutschen Zeitung vom 17.4.21 wird der Fachanwalt Martin Klimesch zitiert. „Schottergärten sind schon jetzt verboten. (…) In den Landesbauordnungen der Länder gibt es oft gleich zwei Bestimmungen, die das Verbot begründen. In Bayern zum Beispiel schreibt das Gesetz in Artikel 7 Absatz 1 Nummer 1 vor, dass unbebaute Flächen wasseraufnahmefähig zu belassen sind. Viele Schottergärten sind allerdings auf einer Folie oder einem Vlies angelegt. Die Fläche ist dann größtenteils versiegelt. Solche Schottergärten verstoßen daher gegen die geltende Rechtslage“, sagt Klimesch der SZ.

Soweit die Süddeutsche Zeitung. Offenbar sind weder die Gemeinden noch das federführende Landratsamt mit dieser Vorschrift vertraut. Sonst würden Hausbesitzer und Gartengestaltungsunternehmen gewarnt, bevor sie überhaupt den Fehler machen, großflächig Grundstücke zu versiegeln. Ambivalente und ineffektive Gesetzgebung und nachlässiges Verwaltungshandeln?

Entsteint euch!

An die Umweltreferentin der Gemeinde Wörthsee wurden bereits Anfragen gestellt, gegen Schotter- und Pflasterorgien tätig zu werden. Das Landratsamt Starnberg ist eingeschaltet. Wir sind gespannt, wie die Behörde die Bayerische Bauordnung auslegen wird.

Warum eigentlich ist dieser Trend entstanden?

Gartengestaltung entspringt dem Bedürfnis, die Natur nach menschlichen Vorgaben zu gestalten. Eine zweckdienliche und dem Menschen gefällige Ordnung wird geschaffen. Dazu arrondieren wir die Topographie, fassen Gewässer, hegen ein, beschneiden, ziehen Kulturpflanzen. Der naturnahe Garten, oder der „englische“ Garten, beruhen ein Stück weit auf der Vorstellung, etwas Naturähnliches zu schaffen, um an der emotionalen Bereicherung durch natürliche Linien, Formen und Farben teilzuhaben. Der Kloster- oder der barocke Schloßgarten waren eher strenge geometrisch gezirkelte, gegen die freie Natur ummauerte Anlagen. Der Naturgarten läßt der Natur mehr Freiheiten.

Fantasy-Welten?

Für viele Menschen heute ist ein möglichst naturnaher, reich blühender und Erholung stiftender Garten eine willkommene Kompensation zur steingewordenen Welt der Gebäude und zum der Naturerfahrung entfremdeten Aufenthalt in deren Innenräumen. Dagegen scheint der Schottergarten eben diese naturfremde Steinwelt in den Garten hinaus zu verlängern. Keine Kompensation sondern eine möglichst pflegeleichte Demonstration der verstädterten Lebensweise. Die modernen kulturellen Erfahrungen vieler Menschen reichen von Disneylandparks über Videospiele und Animationsfilme zu Fantasy und Comics. Führen diese kulturellen Erfahrungen und Geschmacksprägungen direkt in die Gestaltung von geschotterten Fantasy-Gärten?