Waldbiomasse ist Selbstbetrug bei den Erneuerbaren

Waldbiomasse -Selbstbetrug bei den Erneuerbaren

Die Gemeinde Wörthsee plant ein Nahwärmenetz, das mit Holzhackschnitzeln, also Biomasse, beheizt werden soll. Das Vorhaben wird als „nachhaltig“ verkauft. Im Januar 2022 haben Forscher im Auftrag der EU- Kommission einen Bericht zur Waldbiomasse erstellt. Mit erschreckenden Fakten, die sich mit Beobachtungen decken, die viele Bürger in unseren Wäldern bereits machen.

Als kleiner Junge habe ich abends immer fasziniert stundenlang in das Kaminfeuer schauen können. Die Wärme eines Kamins oder eines Holzgrundofens, den ich in den 1980er Jahren in mein Haus gebaut habe, ist eine wunderbar angenehme Form der Heizung, da ein Holzfeuer viel Strahlungswärme verbreitet. Und, Holz wächst nach, ist also weit weniger schädlich für die Umwelt, als fossile Brennstoffe. Dachten wir. Doch auch hier macht die Dosis die Medizin bzw. das Gift. Forscher des Joint Research Centre (JRC), ein Think-Tank der EU Kommission, schlagen Alarm.

Biomasseanlagen im Gebiet Ammersee Lech

Biomasseanlagen in unserer Region. Dunkelgrün eingezeichnet sind Verbrennungsanlagen. Quelle: Energieatlas Bayern.

Waldwirtschaft an der Meilinger Höhe. Trotz FFH Naturschutz werden immer mehr der alten Buchen gefällt. Das Holz wandert zu einem relevanten Teil in den Hackschnitzelofen. Siehe dazu: FFH Waldgebiet Meilinger Höhe. Bild unten: „Waldrestholz“. Siehe dazu: Humusbildung im Wald.

Waldrestholz
Webinar Europas Wald in Flammen

Hören Sie mal rein.

Sie können die Kampagne von We move Europe gegen die Einstufung von Holzverbrennung als klimaneutral hier unterstützen.

JRC Waldbioenergiestudie – Holz taugt nicht für großtechnische Energierzeugung

Die Forscher der EU Kommission konstatieren nach ihrer Analyse der europaweit vorliegenden Daten zur Nutzung von Waldbiomasse sehr negative Trends:
  • In Europa hat besonders die Nutzung von Holz zur Verfeuerung deutlich zugenommen. Der CO2 Ausstoß liegt mittlerweile bei über 350 Millionen Tonnen pro Jahr, wobei der CO2 Anteil pro erzeugter Energieeinheit beim Verfeuern von Waldbiomasse (Holz) besonders hoch ist.
  • 23 der 24 Waldbioenergieszenarien, die in dem Bericht bewertet wurden, stellen ein Risiko für das Klima, die Biodiversität oder beides dar. Nur die Nutzung bestimmter „fine woody debris“ (Waldresthölzer mit geringem Durchmesser), stellt unter Berücksichtigung der Transportwege, diese müssen kurz sein, ein „geringes Risiko“ für die Wälder und das Klima dar. Aber selbst unter diesem Szenario können die Emissionen aus der Verbrennung von Biomasse diejenigen aus fossilen Brennstoffen über Jahrzehnte hinweg übersteigen.
  • Die meisten nationalen Energie- und Klimapläne der Mitgliedsstaaten enthalten keine angemessene Bewertung der potenziellen Auswirkungen einer Ausweitung des Holzeinschlags auf die Umwelt und das Klima.
  • 30 Prozent der erneuerbaren Energien in Europa werden durch das Verbrennen von Holz erzeugt. Nur die Hälfte davon aus Abfallprodukten der Holzverarbeitung.
  • Die gemeldete Nutzung von Waldbiomasse in der EU ist höher als die gemeldeten Quellen dieses Holzes. Das bedeutet, dass bis zu 20% des in der EU verbrannten Holzes aus unbekannten Quellen stammt.

Schädlich in Europa, aber gut bei uns?

Die Gemeinden Wörthsee und Seefeld behaupten, ihre Waldbiomassekraftwerke wären klimaneutral. Dies ist, nach diesem aktuellen EU Report, nicht viel mehr als Selbstbetrug. Oder Irreführung der Bürger. Dahinter zu vermuten ist eine starke Lobbyarbeit der Waldbauern im Landkreis, die sich von der wachsenden Nachfrage nach ihrem Holz schlicht höhere Preise ausrechnen können. Auch bei den Förderrichtlinien für private Heizungsumrüstung sind zum Beispiel Holzpelletheizungen nach wie vor als nachhaltig eingestuft und werden sogar bezuschusst. Das Landratsamt Starnberg tutet in das gleiche Horn wie die beiden Gemeinden, wenn es in der Einladung zu einer Informationsveranstaltung über Holzheizungen „Effizient heizen mit Holz“ so informiert:

Typische Verbrennungstechniken für moderne Holz-Zentralheizungen (…) sind ein Schwerpunkt des Vortrags. Mögliche Förderungen für Holzheizungen mit nützlichen Tipps zur Antragstellung und Förderhöhe bilden ein weiteres Kapitel.“

Holz gilt als „guter“, umweltfreundlicher und förderungswürdiger Brennstoff. Was unterschlagen wird:

  • Der CO2-Ausstoß von Holzhackschnitzel beträgt etwa 450 g/kWh, bei Heizöl liegt der Wert bei 266 g/kWh, bei Erdgas bei 202 g/kWh.
  • Der Wachstumsprozess von Bäumen, währenddessen CO2 gebunden und als Kohlenstoff eingelagert wurde, liegt in der Vergangenheit, 1 bis – wie der gefällten Buche oben links im Bild – über 200 Jahre zurück. Das Freisetzen des CO2 dagegen findet unmittelbar jetzt beim Verbrennungsvorgang statt. Die Forscher nehmen an, dass der nachwachsende Wald das bei der Verbrennung von Holzbiomasse freigesetzte Co2 erst nach vielen Jahrzehnten zurückbinden kann.

Moderne Holzzentralheizungen mit Pellets oder Hackschnitzeln haben nichts mehr mit der eingangs konstatierten Kaminfeuerromantik gemein. Für modernes Heizen ohne fossile Brennstoffe gibt es bessere und modernere Lösungen wie Wärmepumpen. gegen althergebrachte Holzverbrennung im Kachelofen oder Kamin hat niemand etwas. Das Problem ist die großindustrielle Nutzung des Holzes für Verbrennung.

Im Landkreis: nichts Gewisses weiß man nicht

Was im Landkreis fehlt, ist im Übrigen eine genaue Analyse, welche Mengen an Schwachholz denn tatsächlich für Hackschnitzel zur Verfügung stehen. Die Karte zeigt, dass südlich von Augsburg bereits eine Reihe von Holzverfeuerungsanlagen in Betrieb sind. Allein das sehr große Augsburger Biomassekraftwerk bezieht seinen Brennstoff aus einem Umkreis von 80 Kilometern. Weitere kleinere Kraftwerke befinden sich bereits in Landsberg, Fürstenfeldbruck, Gilching, Gauting, Seefeld. Eine Gesamtplanung für den Landkreis oder den Regierungsbezirk für Verbrennung und Vorrat von Waldbiomasse existiert nicht. Daher ist dem Raubbau schon aus Unwissenheit Tür und Tor geöffnet.

Beobachtungen auf der Meilinger Höhe lassen alles Andere als einen schonenden Umgang mit dem dort besonders geschützten wertvollen Wald erkennen. Der Wald würde zu einer noch intensiver bewirtschafteten Nutzholzpflanzung degenerieren, wenn wir jetzt den Biomassepfad noch weiter ausbauen. Es gibt im Voralpenland sehr gute Alternativen für wirklich nachhaltige Wäremerzeugung wie zum Beispiel Wärmepumpen oder vor allem die noch kaum genutzte Geothermie. Diese bleibt derzeit hier im Landkreis Starnberg immer noch vollkommen ungenutzt. Ein großes privates Geothermieprojekt in Herrsching wurde jetzt durch den Klinikneubau ausgebremst.

Die Holzernte in Europa müsste eigentlich reduziert werden, um die CO2 Bindung der Wälder zu erhöhen. Das Gegenteil ist der Fall, die EU Kommission konstatiert, dass die CO2 Speicherfunktion der Wälder in Europa bereits abnimmt. Schuld ist vor allem die Holzverbrennung in immer mehr Kraftwerken.

JRC Waldbioenergiestudie – ein vernichtendens Zeugnis für Biomasseverheizung

Die meisten möglichen Szenarien für Waldbiomasseverbrennung landen bei einem hohen Risiko, die CO2 Emissionen auf mindestens 30 bis über 100 Jahre zu erhöhen. Allein das Szenario 5, die Entnahme von Schwachholz aus Nadelwäldern hat eine „neutrale bis positive“ Bilanz. Quelle: Joint Research Centre (JRC) JRC Forest-bioenergy-study-2021 Ausriss oben kommentiert in „Annotated version“ des Reports. Da in unserem Landkreis ebensowenig wie in den Nachbarbezirken eine Planung zur Verbrennung von Waldbiomasse existiert, ist ein Vabanquespiel auf Kosten der Umwelt im Gang.

Was also soll ich meiner kleinen Enkeltochter bieten? Die Romantik des Kaminfeuers fasziniert sie bereits jetzt mit ihren wenigen Monaten. Allerdings: Vorsicht Feinstaub. Dennoch glaube ich, der althergebrachte gelegentliche Luxus eines Kaminfeuers oder der Wärme aus einem Grundofen ist nicht das Problem. Die großtechnische Vernutzung von „Waldbiomasse“ ist dagegen ein solches. Denn auch hier macht die Dosis das Gift.

Fotos und Beitrag: Stephan Bleek

Waldbiomasse ist Selbstbetrug bei den Erneuerbaren2022-03-22T12:17:05+01:00

Die Zukunftswahl

Die Zukunftswahl

Die Bundestagswahl steht bevor. Angesichts des dramatischen Artensterbens und des rasanten Klimawandels steht der Wähler vor einer besonders wichtigen Entscheidung. Wir dokumentieren einige Prüfsteine und Initiativen von Umweltverbänden. „Endgame“ – ein „Weiter so“ kann es nicht geben und es ist unehrlich, den Wählern einzureden, dass es persönliche Abstriche nicht geben werde. Daher: #ZukunftWählen
Umleitung - aber wohin - zur Wahl 21

„Weiter so“ funktioniert nicht mehr. Viel zu lange hat die Politik versucht, den Klimawandel oder auch das Artensterben zu verharmlosen und den Bürgern einzureden, es gehe immer so weiter mit dem Versprechen des stetig wachsenden Wohlstands. Foto: S.B.

Klimawahlcheck

Das Video von Rezo zum Klimawandel

Ein sehr genau gemachtes Video legt den Finger auf offene Wunden der GroKo und besonders der CDU.

„Unsere Stimmen bewegen!“ – Der WWF zur Bundestagswahl

Der WWF schreibt: „die Klimakrise ist ein zentrales Thema in den Debatten zur Bundestagswahl geworden. Und zum Glück! Die nächsten vier Jahre sind entscheidend für den Klima- und Biodiversitätsschutz sowie für ein wachsendes nachhaltiges Wirtschaften. Zu diesen Themen hat der WWF sehr klare Positionen bezogen.“

Der Bund Naturschutz zur Bundestagswahl

Auch für den Bund Naturschutz ist die Bundestagswahl die Klimawahl. „Sie entscheidet darüber, ob Deutschland mutig vorangeht beim Klimaschutz und damit auch beim überlebenswichtigen ökologischen und sozialen Wandel unserer Gesellschaft. Wir helfen Ihnen, die Parteiprogramme auf wichtige Umwelt- und bayerische Aspekte hin abzuklopfen.“ Machen Sie den „Klimawahl-Check“.

Zukunft wählen!

Die Bundestagswahl wird darüber entscheiden, ob wir nun endlich wirksame Schritte zum Stop des Klimawandels gehen. Diese Schritte sind nach einhelliger Meinung der Wissenschaft dringend erforderlich und wir müssen sie gehen, auch wenn sie wehtun. Sonst zerstören wir die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder und unser Land.

Wählen Sie die „Weiter so“- Politiker ab. Vertreten Sie gegenüber (und in) allen Parteien die Priorität von Klimaschutz und vom Kampf gegen das Artensterben. Wir fordern von allen Parteien einen mutigen Durchbruch und deutlich mehr Tempo bei Klimaschutz und Energiewende! Die nächste Bundesregierung muss Maßnahmen ergreifen, um den Ausstoß der Treibhausgase in Deutschland um mindestens 70 Prozent bis 2030 zu senken. Damit der Anteil der Erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung bis 2030 mindestens 80 Prozent beträgt, muss ihr Ausbau zügig vorangehen. Teilen Sie den Hashtag #ZukunftWählen.

Fotos und Beitrag: Stephan Bleek

Die Zukunftswahl2021-09-07T22:23:55+02:00

Das Sterben der anderen

Das Sterben der Anderen

World Wildlife Day
Das weltweite Artensterben hat so große Ausmaße angenommen, dass die Wissenschaftler*innen vom sechsten großen Massenaussterben der Erdgeschichte sprechen. Dieses Mal ist es kein Meteorit aus dem All, der das Leben auslöscht, sondern es sind wir Menschen selbst. Dass die Klimakrise gefährlich ist, haben inzwischen viele Menschen verstanden. Am 2. März, dem Vorabend des diesjährigen Welttags des Artenschutzes, hat Slow Food bundesweit zu einer Online-Lesung mit der renommierten Umwelt- und Agrarexpertin Tanja Busse eingeladen. Sie hat aus ihrem Buch „Das Sterben der anderen“ gelesen.

Artenschutz im Garten: Mit den richtigen Blühpflanzen Insekten helfen zu überleben. Foto: S. Bleek

Leben bedeutet Vielfalt. Ohne Artenvielfalt kein Leben. Auch nicht für uns Menschen. Foto: NABU

Was hat das Artensterben mit mir zu tun?

Ist es wirklich so schlimm, wenn Insekten und seltene Vögel sterben? Wie wirkt sich das auf mich, auf meine Kinder oder Enkel, auf uns Menschen aus? Sind unsere Sorgen berechtigt oder nur „Alarmismus“?

Dass die Klimakrise gefährlich ist, haben inzwischen viele Menschen verstanden. Doch die Warnungen der Ökologen vor den Zusammenbrüchen ganzer Ökosysteme werden immer noch nicht gehört. Wie kommt das und was können wir dagegen tun? Und welche Rolle spielen dabei Landwirtschaft und Ernährung? Darüber haben sich Tanja Busse und Nina Wolff während der Lesung am 2. März 2021 unterhalten.

Die Lesung ist  >> auf Youtube zu sehen.

In diesem Video erzählt Tanja Busse was sie bewegt hat, ihr Buch zu schreiben:

Der >> Welttag des Artenschutzes (World Wildlife Day) wurde 2013 durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen ins Leben gerufen und wird jährlich am 3. März begangen. Ziel ist es, die Bedeutung der wild-lebenden Tier- und Pflanzenarten für den Menschen sowie den anhaltenden Verlust der Artenvielfalt in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. Mehr dazu über die Links auf der Seite des >> Bundesamts für Natur- und Umweltschutz.

Video zum Welttag des Artenschutzes der UNO am 3. März 2021

Das Sterben der anderen2021-06-07T10:53:37+02:00
Nach oben